digital killed the Tacker and so

Wenn ich an meinem Schreibtisch sitze, habe ich hinter mir ein breites Regal mit jeder Menge Zeug. Ich versuche, eine gewisse Ordnung zu halten, aber eine Ablagefläche ist eine Ablagefläche. Wenn es dann doch zu viel wird, räume ich irgendwann notgedrungen auf, nachdem alle Blumen gegossen, das Altpapier raus und das Klingelschild entstaubt wurde.

Diese drei Kandidaten hier fielen mir in die Hände und standen eine Weile im Fegefeuer auf der Ecke von meinem Schreibtisch. Locher, Tacker und Büroklammern. Keines der drei habe ich in den letzten drei Jahren in der Hand gehabt. Vielleicht waren es auch fünf. Wenn ich es recht überlege, hab ich sie noch nicht in der Hand gehabt, seitdem ich in Oberwesel bin. Eine Büroklammer hab ich mal gebraucht, um eine SIM-Card aus einem Telefon zu operieren. Den Halter mit Büroklammern hab ich aus Schweden mitgebracht. Die Öffnung hat einen kleinen Magneten, sodass die Büroklammern einen unendlichen Nachschub bilden. Nimmt man eine, ziehen sich die nächsten magnetisch hoch.

Aber jetzt stehen die drei hier vor mir wie Hufschmiede auf einer Autobahn. Die Zeit ist über sie hinweg gegangen, meine Buchhaltung ist schon lange digital, ich loche keine Belege, ich tackere keine Belege. Ich schicke keine Umschläge mehr zu meinem Steuerberater. Ich trauere diesen Zeiten nicht hinterher, im Gegenteil. Ich freue mich, dass es so einfach geht und hier keine Papierstapel mehr rumstehen.

Sie starren mich an von ihrer Ecke vom Schreibtisch. Leicht eingestaubt, unberührt. Wie ein vergessenes Spielzeug. Nach Toystory kommt nun Toolstory. Ein depressiver Tacker mit einem unausgeglichenen Locher zusammen brechen aus, weil sie die Trostlosigkeit und Sinnlosigkeit satt haben. Sie entführen die Büroklammern und machen sich auf und davon… Aber nein, kein Mitleid, mein Blick ist kalt und taxierend. Diese drei Objekte brauche ich nicht mehr. Ich werde sie wohl auch nie wieder gebrauchen. Vielleicht werde ich diese Entscheidung bereuen, wenn das Internet abgeschaltet werden musste, um eine wild gewordene KI zu vernichten und alle fangen wieder an, Unterlagen auf DIN A4 auszudrucken, einen Beleg anzutackern und das ganze gelocht abzuheften. Dann werde ich bereuen, diese drei hier in die Wüste geschickt zu haben. Aber wenn ich länger darüber nachdenke, nehme ich das Risiko in Kauf.

Die drei wandern aus meinem warmen und gemütlichen Büro auf die Fensterbank vorm Haus. Wie eine gekündigte Band warten sie auf eine Mitfahrgelegenheit und ein neues Leben. Was könnt ihr denn? – Lochen! Tackern! Heften! Was auch immer das für eine Nummer wird. Zwei Stunden später komme ich an der Fensterbank vorbei. Die drei sind auf und davon. Jemand hat sie mitgenommen. Sie haben tatsächlich noch ein neues, analoges Leben in der digitalen Welt gefunden.