Der spitze breite Stift

Ich vergesse Geburtstage und was ich gerade in der Küche wollte, aber ich erinnere mich noch erstaunlich gut an meine Gründerberatung in der IHK in Münster.

Ich war kurz davor, mein Studium zu beenden und wollte mich als Designer selbstständig machen. In der IHK gab es ein Angebot für Leute wie mich – oder irgendwie auch nicht für Leute wie mich, wenn ich es recht bedenke. Flure mit Linoleum, Monstera an den Kreuzungen und am Ende ein Raum mit Mobiliar, das jedes Ansinnen der Menschheit als kulturellen Treiber sofort zunichte macht. Jene Art von Möbeln, die in Katalogen gemeinsam mit Kopierpapier und Ablagesystemen gezeigt werden und an denen die Planer selber nie sitzen würden.

Also hinein. Tische in U-Form, Beamer, diesmal kein Monstera, sondern Kentiapalme in Hydrokultur. Und dazu acht Männer in dunkelblauen Anzügen, gut genährtes, freundliches Lächeln. Allesamt Unternehmer irgendwie und einer von der IHK, der sich in der Anzugfarbe angepasst hat. Viel Wohlwollen wird um ein paar Ratschläge gewickelt, obwohl keiner zuhören wollte, was ich eigentlich vorhabe. »Spitze Stifte schreiben besser!« hab ich noch im Ohr. Es ging um Positionierung und darum, ob ich mich besser breit oder tief aufstellen sollte. Ich war damals ein Designstudent mit einem 21-Zoll-Monitor und einem zip-Laufwerk, der hier und da mal ein paar Grafikarbeiten machte. Die Kunden kamen über Empfehlungen, da war keine Positionierung gefragt, aber vielleicht ist es ja für später gut?

Jahre später, ziemlich genau zehn Jahre sind es, da trage ich meinen Lebenslauf zusammen für etwas ganz anderes. Neben der Freude an sauber sitzenden Tabulatoren und schönen Mediävalziffern fällt mir auf, dass ich sehr regelmäßig alle zwei Jahre etwas Neues angefangen habe. Manche wechseln alle zwei Jahre ihren Job, ich habe alle zwei Jahre ein neues Projekt gestartet. Projekttourette. Ein spitzer Stift war das nicht mehr, eher ein Kamm oder ein Bündel Stifte. Ich denke an die IHK zurück, kenne aber zum Glück mittlerweile die Weisheit, dass man nur das als Tipp weiter gibt, was man selbst nicht umsetzt.

Weitere zehn Jahre später hat sich der Kamm um weitere Zacken verlängert, mehr Spitzen, die aber alle irgendwie doch zusammenhängen. Regionale Identität hat was mit Design zu tun, aber auch mit einem öffentlichen Wohnzimmer, das wir mittlerweile auch betreiben. Schreiben hat was mit Design zu tun und wer mal einen Berufsverband geleitet hat, der geht gelassener in Stadtratssitzungen. Ich habe den Tipp von der IHK immer noch im Ohr und sehe immer deutlicher, wie ich diesen Tipp des spitzen Stiftes wohl nicht in mein Berufsleben integriert bekommen werde.

Und dann kam KI. Stundenlang hab ich chatgpt mit meinen ganzen Projekten gefüttert, erklärt, was das soll und was ich damit erreichen will. Und dieser tausendarmige Oktopus der Wahrscheinlichkeiten kaut darauf rum, massiert sich dann sehr viele schmeichelnde Eingangsformulierungen aus dem Cursor und stellt dann lapidar fest, dass es ja ich bin, der das alles verbindet. Meine Interessen sind die Brücke. Gärten als gestaltete Räume treffen den Designer. Botanik trifft den Systematiker in mir, Gastfreundschaft trifft den Kommunikator und am Ende wird daraus noch ein Buch, das ich selbst gestalte und verlege und dafür noch einen Preis bekomme.

Es war so einfach und so naheliegend, aber jetzt, wo es vor mir geschrieben steht, ist es auf einmal logisch. Die Klammer bin ich, mein Name. Darum hab ich eine neue Website gebaut, die all das sichtbar werden lässt und alles verbindet. Ich hab es nie geschafft, ein spitzer Stift zu werden, die Palme aus dem IHK-Raum müsste heute doppelt so hoch sein. Dabei ist es nur eine Frage der Perspektive. Wenn man nah an einen spitzen Stift nur nah genug rangeht, ist auch der nicht mehr spitz, sondern breit. Und jetzt verstehe ich auch, wofür IHK eigentlich steht: Ich Habs Kapiert! Also danke und los!

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